„In der Schule haben wir das aber anders gelernt“
Wie du Theorie-Praxis-Konflikte in wertvolle Lernmomente verwandelst – mit konkreten Fragen für dein nächstes Reflexionsgespräch.
Kaum ein Satz löst in der Praxisanleitung so zuverlässig Diskussionen aus wie dieser:
„In der Schule haben wir das aber anders gelernt.“
Manchmal fällt er mitten in einer Anleitungssituation. Manchmal eher vorsichtig im Reflexionsgespräch. Und manchmal schwingt dabei spürbare Verunsicherung mit – auf beiden Seiten.
Vielleicht fragst du dich in diesem Moment, ob die Schule etwas anderes vermittelt hat. Vielleicht hast du den Eindruck, dass deine Arbeitsweise infrage gestellt wird. Oder du bemerkst, wie schnell aus einer einfachen Frage eine Grundsatzdiskussion werden kann.
Die gute Nachricht: Genau solche Situationen können zu den wertvollsten Lerngelegenheiten in der Ausbildung werden.
Denn wenn Theorie und Praxis scheinbar nicht zusammenpassen, geht es selten darum, dass eine Seite recht und die andere unrecht hat. Viel häufiger treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander – und genau darin liegt die Chance für nachhaltiges Lernen.
Warum Theorie und Praxis nicht immer deckungsgleich sind
Auszubildende bewegen sich während ihrer Ausbildung zwischen zwei Lernorten: der Pflegeschule und der praktischen Ausbildung.
In der Schule lernen sie pflegewissenschaftliche Grundlagen, rechtliche Rahmenbedingungen und fachliche Konzepte kennen. In der Praxis erleben sie, wie Pflege unter realen Bedingungen umgesetzt wird.
Beide Lernorte verfolgen dasselbe Ziel: die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz.
Trotzdem erleben Auszubildende immer wieder Unterschiede.
Vielleicht wird eine Maßnahme auf Station anders durchgeführt als im Unterricht beschrieben. Vielleicht gibt es verschiedene fachlich vertretbare Vorgehensweisen. Vielleicht haben sich Abläufe im Team etabliert, die von den Beispielen aus dem Unterricht abweichen.
Für Auszubildende kann das verwirrend sein. Sie versuchen, das Gelernte mit ihren Erfahrungen zu verbinden und suchen nach Orientierung.
Was hinter dem Satz wirklich steckt
Wenn ein Auszubildender sagt: „In der Schule haben wir das anders gelernt.“ – dann steckt dahinter häufig keine Kritik.
Oft bedeutet dieser Satz vielmehr:
- Ich bin unsicher.
- Ich möchte verstehen.
- Ich versuche Zusammenhänge herzustellen.
- Ich suche Orientierung.
- Ich möchte wissen, warum wir hier so handeln.
Wer diese Aussage als Lernanlass statt als Angriff versteht, eröffnet einen wichtigen pädagogischen Raum.
Denn Lernen entsteht häufig genau dort, wo Gewohntes hinterfragt wird.
Warum vorschnelle Antworten selten hilfreich sind
In solchen Situationen ist die Versuchung groß, schnell zu reagieren.
Zum Beispiel mit Aussagen wie:
- „Hier läuft das eben anders.“
- „Vergiss erst einmal, was du in der Schule gelernt hast.“
- „Das ist die Theorie, hier ist die Praxis.“
Solche Antworten beenden zwar das Gespräch, lösen aber das eigentliche Anliegen nicht.
Für Auszubildende entsteht dadurch leicht der Eindruck, dass Schule und Praxis Gegensätze sind. Dabei sollten beide Lernorte sich ergänzen.
Das eigentliche Ziel
Nicht, dass sich Auszubildende für eine Seite entscheiden. Das Ziel ist, dass sie Unterschiede verstehen, einordnen und reflektieren können.
Vier Fragen, die aus Unsicherheit Lernen machen
Wenn Theorie und Praxis aufeinandertreffen, können gezielte Fragen helfen.
Wie wurde es in der Schule vermittelt?
Lass den Auszubildenden zunächst beschreiben, was er gelernt hat. Das zeigt Interesse und verhindert Missverständnisse.
Welche Begründung wurde genannt?
Oft wird deutlich, dass hinter dem schulischen Vorgehen wichtige pflegefachliche oder wissenschaftliche Überlegungen stehen.
Wie wird die Situation bei uns gehandhabt?
Nun kann die praktische Perspektive eingebracht werden. Wichtig ist dabei, nicht nur Abläufe zu beschreiben, sondern auch die Gründe dafür transparent zu machen.
Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen wir?
Genau hier beginnt Reflexion. Auszubildende lernen, verschiedene Perspektiven zu vergleichen und fachlich einzuordnen.
Ein Praxisbeispiel
Eine Auszubildende wundert sich darüber, dass die Reihenfolge einer pflegerischen Maßnahme auf Station anders erfolgt als im Unterricht besprochen.
Statt die Situation schnell abzuhaken, könnte das Gespräch so beginnen:
„Erzähl mir einmal, wie ihr das in der Schule gelernt habt.“
Nachdem die Auszubildende ihre Sicht geschildert hat, folgt die nächste Frage:
„Welche Begründung habt ihr dafür bekommen?“
Anschließend kann gemeinsam betrachtet werden, wie die Situation auf Station gehandhabt wird und welche Überlegungen dahinterstehen.
So entsteht kein Gegeneinander von Schule und Praxis, sondern ein gemeinsames Nachdenken über professionelles Handeln.
Reflexionsimpuls für deine nächste Anleitungssituation
Wenn ein Auszubildender auf Unterschiede zwischen Schule und Praxis hinweist, frage dich:
- Höre ich gerade eine Kritik oder eine Unsicherheit?
- Welche fachliche Begründung steckt hinter unserem Vorgehen?
- Kann ich erklären, warum wir so handeln?
- Welche Lernchance steckt in diesem Gespräch?
- Wie kann ich den Auszubildenden dabei unterstützen, unterschiedliche Perspektiven einzuordnen?
Schon diese Fragen können dazu beitragen, aus einer vermeintlichen Diskussion einen wertvollen Lernprozess entstehen zu lassen.
Die eigentliche Aufgabe von Praxisanleitung
Praxisanleitung bedeutet nicht, Auszubildenden zu zeigen, wie etwas „hier eben gemacht wird“.
Die Aufgabe besteht darin, Lernprozesse zu begleiten und berufliche Handlungskompetenz zu fördern.
Dazu gehört auch, Unterschiede wahrzunehmen, kritisch zu hinterfragen und fachlich zu begründen.
Gerade dort, wo Theorie und Praxis scheinbar auseinandergehen, entstehen oft die wertvollsten Lernprozesse.
Denn professionelle Pflege lebt nicht von starren Antworten, sondern von reflektierten Entscheidungen.
Häufige Fragen zum Theorie-Praxis-Transfer in der Pflegeausbildung
Zunächst nachfragen und Interesse zeigen. Häufig steckt hinter dieser Aussage keine Kritik, sondern der Wunsch nach Orientierung und Verständnis. Ein offenes Gespräch hilft dabei, Hintergründe sichtbar zu machen und Lernprozesse anzustoßen.
Schule und Praxis haben unterschiedliche Lernaufträge. Während die Schule wissenschaftliche Grundlagen und pflegefachliche Konzepte vermittelt, findet die praktische Umsetzung unter realen Versorgungsbedingungen statt.
Nicht zwangsläufig. Entscheidend ist, ob Vorgehensweisen fachlich begründet werden können und Auszubildende die Möglichkeit erhalten, Unterschiede zu reflektieren und einzuordnen.
Praxisanleitende unterstützen Auszubildende dabei, theoretisches Wissen mit praktischen Erfahrungen zu verknüpfen. Sie fördern Reflexion und helfen dabei, berufliche Handlungskompetenz aufzubauen.
Indem Unterschiede nicht vorschnell bewertet, sondern gemeinsam analysiert werden. Fragen, Reflexion und fachliche Begründungen fördern nachhaltiges Lernen und stärken die Entwicklung professioneller Urteilsfähigkeit.
Fazit
„In der Schule haben wir das aber anders gelernt“ muss kein Störfaktor sein.
Im Gegenteil.
Hinter diesem Satz steckt häufig der Wunsch, Zusammenhänge zu verstehen, Sicherheit zu gewinnen und professionelles Handeln einzuordnen.
Wenn Praxisanleitende solche Momente bewusst aufgreifen, entstehen Gespräche, die weit über einzelne Handlungsabläufe hinausgehen.
Und genau dort beginnt Lernen, das nachhaltig wirkt: dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, reflektiert werden und schließlich zu einem tieferen Verständnis professioneller Pflege führen.
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M.A. Pädagogik | Fachautorin | Gründerin Anleitbox®
25+ Jahre Erfahrung in Pflege- und Gesundheitsfachberufen
